Beratungs- und Informationszentrum für Migrantinnen und ihre Familien
Wie nennen wir eine der schwersten Menschrechtsverletzungen an weiblichen Babys, an Mädchen und an Frauen? Ist es Verstümmelung oder nur Beschneidung, ist es Female Genital Mutilation (FGM) oder nur Female Genital Circumcision (FGC), und welche Maßnahmen zur Bekämpfung folgen aus Wertung und Begrifflichkeit?
Perspektiven, immanente Wertungen und Bekämpfungsstrategien
Kinder, in diesem Falle Mädchen, werden durch die Praktik von FGM zu Opfern von schwerster Gewalt. Der Eingriff beraubt sie ihrer körperlichen Unversehrtheit und psycho-sozialen Integrität. Sie erfahren traumatisierende, körperliche und seelische Gewalt, weshalb die Bezeichnung Genitalverstümmelung sowie Female Genital Mutilation (FGM) richtig scheint.
Auf der nächsten Ebene wechselt jedoch die Perspektive:
Aus den Menschen, die als Kind Opfer wurden, sind Betroffene geworden, denn beschnitten zu sein gilt in den entsprechenden Communities als normal. Es handelt sich in den spezifischen Gebieten um eine gesellschaftliche Realität, die nicht in Frage gestellt ist. FGM gehört zum Frausein dazu, die Hintergründe und die schwerwiegenden Folgen sowie die Durchführung der Praktik selbst sind ein lange geschütztes Tabu.
In afrikanischen Sprachen wird von diesem Tabu folglich auch nur in verharmlosender und neutralisierender Sprache gesprochen. Zum Beispiel sieht die malische Sprache Bambara einfach nur das Wort bolokoli – das Händewaschen vor. Andere Ausdrücke in verschiedenen afrikanischen Ländern bezeichnen FGM beispielsweise als Tradition, DAS, gemacht sein, Frau sein bzw. zur Frau werden oder die Sache.
Erwachsene Betroffene – selbst beschnittene Frauen – sorgen als Mütter, Tanten, Großmütter oder Cousinen dafür, dass diese Praktik, die zu ihrer Gemeinschaft gehört, fortgeführt wird. Um einer Tradition zu folgen, um den Geschlechterregeln Rechnung zu tragen, ja, um der Fürsorgepflicht gegenüber ihren eigenen Töchtern nachzukommen, die respektiert heiraten und abgesichert leben können sollen, werden die ehemaligen Opfer als Betroffene zu Täterinnen. Mütter nehmen die Qualen ihrer Töchter in Kauf, so sehr, dass sie sogar den Tod in Kauf nehmen, weil sie glauben, dass sie im Prinzip etwas Gutes tun. Auch wenn es unbeschreiblich schmerzhaft ist, gehört es aus ihrer Sicht einfach zum weiblichen Leben dazu. Beschneidungen werden so von selbst betroffenen Müttern initiiert, die Ausführende ist eine beschnittene Frau. Diese Frauen fühlen sich, als Opfer von FGM bezeichnet, diskriminiert.
Ein weiterer Perspektivwechsel erfolgt mit Blick auf die Männer in diesen Gesellschaften: In allen Gesellschaften, in denen FGM durchgeführt wird, herrschen patriarchalische Strukturen. Allerdings sind Männer in der Regel nicht aktiv an Beschneidungspraktiken beteiligt und initiieren selten die einzelne Aktion direkt. Die Verantwortung der Männer liegt v. a. in deren immanenter Stabilisierung einer Gesellschaft, die gegenüber Mädchen und Frauen per Gesellschaftsstandard und Wertenorm gewalttätig agiert. Männer dieser Gesellschaften ziehen ihren Vorteil aus der traditionell verankerten Unterdrückung der Frau. Als gesellschaftliche Machthaber bestimmen Männer direkt oder indirekt, dass bzw. ob die Beschneidungspraktiken zu erhalten sind.
FGM ist grausame Gewalt und Verstümmelung sowie zugleich gesellschaftlich tief verankerte Tradition und eingeforderter Ritus. Für die Weltgemeinschaft, die an den Menschenrechten und der Kinderkonvention orientierten Wertesysteme, ist diese Tradition nicht hinnehmbar.
Die Bekämpfung dieser Menschenrechtsverletzung kann nur differenziert erfolgen, zumindest aber auf zwei inhaltlich und operativ verschiedenen Ebenen:
Auf politischer Ebene ist das Verbrechen FGM von ‚oben’ über Gesetze, Regierungspolitik und den gesellschaftlichen Einfluss der politisch Verantwortlichen zu bekämpfen.
Auf der Community-Ebene sind sensible, einbindende und das Gegenüber akzeptierende Aufklärungs-, Beratungs- und Bildungsmaßnahmen zu entwickeln. Nur mit Respekt gegenüber den betroffenen Menschen und Communities kann die Beschneidungspraxis und ihr zugrundeliegendes Wertesystem von innen heraus und damit nachhaltig transformiert werden. Das Andere kann nur dann entstehen, wenn viele zentrale Mitglieder dieser Communities, Männer und Frauen, für die Menschenrechte gewonnen werden.